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Frau zwischen Leben und Tod

Der glodne pott

Der Hut

Olli for President?

Hörprobleme




  Hörprobleme                                                           Druckversion  Druckversion



Ich kann nicht mehr so gut hören. Seit einiger Zeit schon. Kürzlich saß ich zum Beispiel im Kreis von Kollegen und hörte schier gar nichts von dem, was gesprochen wurde, ich sah lediglich, wie sich die Münder, Lippen und manche Muskeln in ihren Gesichtern bewegten. Wenn jemand lacht, kann man das ja an den Gesichtsmuskeln sehen, auch wenn man nichts hört. Ein komisches Gefühl, und dann die Anstrengung, dass es niemand merkt. Schließlich will ich ja nicht als behindert gelten, noch nicht.

Seltsamerweise tritt das Phänomen nicht immer auf. Bestimmte Töne und Geräusche höre ich so klar wie auch früher schon. Wenn ich in der Straßenbahn sitze, die in Köln über den Ring zum Ebertplatz fährt, um nur ein Beispiel zu nennen, beginnt sie an einer ganz bestimmten Stelle, in einer Kurve nämlich, sehr intensiv zu quietschen. Ich mache nicht einmal einen Hehl daraus, dass ich solche Geräusche sehr mag, wo sich andere entsetzt die Ohren zuhalten. Ich liebe das einfach. Oder eine Rolltreppe zur U-Bahn am Friesenplatz in Köln gibt auch immer einen kurzen Quietschton von sich, wenn sie startet, und das kann ich gut hören, auch heute noch. Für mich ist das Weltmusik. Ein anderes Beispiel ist, wenn ich im Bett liege und in der Ferne die Güterzüge über die Südbrücke fahren höre: Dann ist kein Problem mit meinem Gehör feststellbar.

Ich habe nun wirklich versucht, es eingehend zu analysieren. Anfangs dachte ich, es liege an der Lautstärke oder Frequenz von Geräuschen und bin zum Ohrenarzt gegangen, um im schlechtesten Falle ein Hörgerät verpasst zu bekommen. In meinem Alter eigentlich eine Schande. Aber der Ohrenarzt fand keinerlei physische Ursachen oder Defekte an meinen Ohren und weigerte sich, mir ein Gerät zu verschreiben, das mein Gehör unterstützen könnte. "Vielleicht geht's wieder vorbei," meinte er nur, nannte mir aber immerhin noch einen anderen Spezialisten. Ich habe dann erst noch einmal selbst versucht, die Angelegenheit genau zu beobachten und zu analysieren. An einem Morgen wurde ich früh durch das vorsichtige Piepsen junger Vögel im Innenhof geweckt, konnte aber dann beim Verlassen meiner Wohnung die engagierten Kommentare meines Nachbarn zu irgendetwas schlichtweg nicht verstehen. Völlig verwirrt habe ich dann einfach nur genickt und ihm einen schönen Tag gewünscht. So weit bin ich nun doch noch nicht, dass ich zu meiner Hörschwäche stehe. Schließlich will ich nicht unbedingt, dass die Menschen um mich herum beginnen zu schreien. Erst möchte ich wissen, woran es wirklich liegt. Seit ein paar Tagen habe ich deshalb begonnen, eine Statistik zu führen über Geräusche, die ich problemlos wahrnehmen kann und solche Erfahrungen, von denen ich nur weiß, dass sie irgendwelche Geräusche wie Sprechen sind, ich sie aber nicht hören kann. Noch geben mir meine statistischen Untersuchungen keine wirklich hilfreichen und stichhaltigen Anhaltspunkte für das Phänomen. Ich hatte ja schon gedacht, ich könnte nur Menschen nicht mehr hören, alles andere aber wohl. Dem ist aber eben nicht so. Auf der Straße begegnete ich zum Beispiel gestern einer Mutter, die ihr Kind an der Hand hinter sich herzog. Das Mädchen wimmerte ganz leise vor sich hin, das konnte ich sehr deutlich hören. Wenn mein Freund mit mir redet, kann ich meistens auch verstehen, was er sagt. Er meint übrigens, das wäre alles nur Überlastung und ich sollte mal richtig ausspannen und vielleicht mal wieder mehr Entspannungstechniken anwenden, das wäre sicher vornehmlich psychisch bedingt. Irgendwie will ich meinen alten Coach aber auch nicht mit dieser Lappalie belästigen. Oder, um ein anderes Beispiel zu nennen, wenn der Busfahrer die Tür aufmacht und es dieses leise Hydraulikgeräusch bbbffff gibt, kann ich das auch deutlich hören. Sogar die Pappelblätter im Wind höre ich rascheln. Es kann also nicht an der Lautstärke liegen, das ist mir inzwischen klar.

Heute hatte ich dann den Termin bei dem Gehör-Spezialisten. Er hat sich wirklich Mühe gegeben und mehrere Stunden Untersuchungen und Tests durchgeführt, aber ich konnte schon an seinem Gesicht ablesen, dass er ratlos war, auch wenn ich noch auf die definitiven Auswertungen warten muss. So etwas wird ja vielleicht auch vererbt, habe ich gedacht und einmal in meiner Familiengeschichte gestöbert. Da fiel mir dann irgendwann ein Bild meines Großvaters in die Hände und ich erinnerte mich, dass er manchmal da saß und seine Zeitung las oder auch nur die Hände über dem Bauch verschränkt hatte und schlichtweg nichts von dem hörte, was man ihm sagte. Da hatte ich immer das Gefühl, er hört nur bestimmte Dinge. Aber da war er auch schon 90 Jahre alt, und ich bin gerade mal halb so alt. Das stimmt mich doch skeptisch.

Lieber weite ich meine statistischen Untersuchungen noch etwas aus. Musik zum Beispiel. Die Schallwellen mancher Sender im Radio kommen in meinem Gehör offenbar gar nicht an. Ich dachte schon, der Tuner wäre kaputt, aber mein Freund hat dann schnell die Lautstärke runtergedreht, als ich mit einem meiner Tests beschäftigt war. Aber wenn ich eine CD oder Schallplatte auflege, habe ich meistens kein Problem mit dem Hören. Mein Freund interessiert sich übrigens sehr für Politik und verfolgt die diversesten Reportagen. Das ist wirklich schrecklich für mich, denn ich höre immer nur einzelne Fetzen, völlig aus dem Zusammenhang heraus gerissen. Stellen Sie sich das vor, nur Fetzen wie "...nur Wahlkampfstrategie ... unsolidarisch ... unsere amerikanischen Freunde ... Verteidigung ...Krieg ... Irak ... Freiheit ... Beschränkung ... Arbeitslosigkeit ... wirtschaftlich ... Katastrophe ... Zuwanderung ... Sicherheit ..." Da soll einer nicht verrückt werden. Wenn mein Freund mir nicht mühevoll manches im Zusammenhang schildern würde, ich weiß nicht, ob ich nicht verzweifeln würde. Er meint übrigens, es sei auch für ihn ein gutes Training, mir zu schildern, was da so abgeht an der Flimmerkiste. Manches muss er allerdings aufschreiben, weil ich es aus seinem Munde gesprochen einfach akustisch nicht wahrnehmen kann. Ich habe es inzwischen aufgegeben, mit ihm weitere Tests zu unternehmen. Wenn er mir nämlich total leise etwas ins Ohr flüstert, gibt es kein Problem mit meinem Gehör.

Aber ich würde wirklich gern die Ursache für meine Hörschwäche finden. Schließlich gibt es durchaus peinliche Situationen. Neulich passierte es, dass ein gut angezogener Herr auf der Straße seine Lippen bewegte und ich ihm einen Euro in die Hand drückte. Er schubste mich danach heftig empört weg, sodass ich fast auf die Straße gefallen wäre. Offenbar hatte ich etwas missverstanden.

12. September 2002




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  Olli for President?                                                           Druckversion  Druckversion



Endlich weiß ich, warum es heute so unermüdlich regnet: "Seine Tränen weint ganz Deutschland" grinst mich die Schlagzeile am Kiosk an. Endlich haben wir wieder einen. Einen, der als Identifikationsfigur für die ganze Bonndesrepublik dient, ach nein für die ganze Nation, dieser Begriff ist ja schließlich wieder salonfähig geworden wie so viele andere auch. "Die ganze Nation kann stolz sein", blästert und röhrt da ein Hörer ins Radiotelefon. Hat eigentlich Asamoah die deutsche Staatsbürgerschaft? Oder Jeremiz? Oder Neuville? Egal. Endlich haben wir wieder einen, der stark genug ist, die meisten Angriffe abzuwehren, einen, ohne den wir nicht so weit wären, wie wir sind. Da ist es doch nur verständlich, dass die finanziell durchaus angeknackste Deutsche Bank jedem Spieler 70.000 Euro schenkt, wie ich am Rande hörte. Ich selbst überlege ja schließlich auch gerade, wie viel ich für das brasilianische Frauenprojekt gegen Hunger spende.

Endlich haben wir wieder einen, der wie ein Wolf da steht und die Zähne fletscht. Ob der auch beißt, wenn es drauf ankommt? Einen, der nach so einem Spiel seine philosophischen Betrachtungen zur Erbauung der mehr oder weniger oder sehr begeisterten Zuschauer ablässt, ob sie es hören wollen oder nicht. Mit Boris Becker war das ja nicht so ganz zu machen, der musste ja seinen Kinnladen immer runterfallen lassen, da redet es sich nicht so gut. Trotzdem hieß es damals "Entdecke den Boris in dir!" So rufen wir doch heute einfach "Entdecke den Kahn in Dir!" Dann ist die Pisastudie - die ich übrigens zuerst einmal den von 100 %-igen Chancen daherredenden Fußballkommentatoren zum Einstieg in sprachlogische Weiterbildungsaktivitäten empfehlen würde - und so manch anderes schnell vergessen und wir erringen in Nullkommanichts den Platz eins der Weltrangliste der Zähne fletschenden Urgeister. Da erzählte doch einer der Sandkastenkameraden, dass der große Kahn so erfolgreich ist, weil er sich alles selbst hart erarbeiten musste und dass der Kahn sich wünscht, mal für seine Leistung geliebt zu werden. Ja, ich kenne das. Ich habe mir auch das meiste selbst erkämpft und mir dabei so einen stacheligen wehrhaften Igelpelz zugelegt, bis ich dann mal begriffen hab, dass ich im tiefsten Innern ein Versagertyp bin und nur Angst hatte, dass mir alles zerbricht, dass ich eben versage und nicht gut genug bin. Da sind dann so ein paar Stacheln abgefallen, und ich bin halt nicht Fußballprofi geworden. Na ja, aber ich wollte ja über Olli Kahn weinen, ähm schreiben.

Endlich kommt sie mal wieder an die Oberfläche, diese Sehnsucht der Volksgenossen - darf man das auch schon wieder sagen? - nach dem einen starken Kerl, der es schon richtet und unseren! Erfolg sichert. Schließlich ist er für den Mannschaftsgeist zuständig mit seinen Fletschzähnen. Die Kehrseite ist natürlich, dass wir endlich auch einen haben, der es als Einziger Schuld ist, wenn die Brasilianer zwei Tore schießen. Dass da noch mindestens zwei andere Kerle der Abwehr ziemlich dämlich und untätig rumstanden und bewegungslos zusahen, dass dem großen Kahn der Ball von den Fingern flutschte und Ronaldo ungestört nachsetzen konnte, hab wohl nur ich gesehen. Und dass da in diesen ansonsten schönen Konterspielen mehrfach ein gewisser Herr Frings meinte, er könne das gegnerische Tor aus 50 m - vielleicht warns ja auch nur 30 m - Entfernung treffen, anstatt andere dran zu lassen, da ist der Kahn auch für verantwortlich, nehm ich mal an. Und dass der Ronaldo einfach gut schießen kann - ach, wen interessiert es...

Eigentlich interessiert mich ja auch Fußball gar nicht, aber ich weiß, was ein Abseits ist. Und hier in der Bonndesrepublik scheint mir so manches im Abseits zu stehen, vielleicht ja auch nur ich.

Ach ja, der Kioskbesitzer hat sich das Spiel nicht angeschaut, weil ihn das Theater ankotzt. Der steht wahrscheinlich auch im Abseits. Und ich wünsch mir manchmal die weniger nationalistische aber smarte und treffsichere Littibanane zurück.

01. Juli 2002




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 Frau zwischen Leben und Tod                                       Druckversion  Druckversion

Wie er dasteht der Alte und er der Sohn des Alten wie sie breitbeinig dastehn und auf sie einschlagen zu zweit auf sie einschlagen zwei mit einer dicken Eisenstange und lang ist die Stange gleichmäßig nein kein Holz niemals Holz so gleichmäßig und brüllen und schlagen auf sie ein wenn's wenigstens Holz wär' dreschen auf sie ein auf die Frau auf die Frau des Sohns des Alten weil sie säuft oder warum da muss mehr sein ihre Scheiße versäuft mit ihren 40 Jahren und acht Kindern säuft oder warum da muss mehr sein eins totgefahr'n vom Sohn des Alten säuft und in der Ecke liegt oder warum da muss mehr sein wie sie eindreschen auf sie wie Vieh wie Vieh im alten Stall wo früher mal Rinder war'n und jetzt nur der Abfluss noch die Rinne für die Pisse da liegt sie wo der Sohn des Alten oft pinkelt kann jeder seh'n wie er pisst da liegt sie wo seine Pisse sonst läuft an der Stelle da schlagen sie da liegt sie und wie es da steht das Mädchen sechs Jahr' alt das Mädchen und durch's dreckige Kellerfenster schaut und nicht glauben kann und heult und sich wegstiehlt und heult und das vergisst und vergessen muss und vergessen muss und wie es jetzt dasteht das Mädchen unter der Dusche mit 31 das Mädchen und sich die Bilder aus dem Kopf duschen will die Scheiße aus dem Hirn seit 12 Jahren erinnert es sich wieder die Stange das Schlagen Vollmarstein Vollmarstein sie schicken die Frau nach Vollmarstein stigmatisiert in Entziehungskur Erziehungskur und das Mädchen bei der Halbschwester der Frau und der Bruder beim Halbbruder der Frau des Sohns des Alten und warum das alles das Mädchen bei der Tante nur fünf Minuten weit weg und der Bruder beim Onkel nur zehn Minuten und nie geht das Mädchen nach Haus' die paar Schritt in der Zeit bei der Tante warum nicht und duftende Seife bei der Tante und Ruhe und Sorgfalt und gutes Essen und Ruhe und lernt Strickliesel und Ruhe und Ruhe und Malzbier gegen die Angst und Ruhe und Mädchen vergiss die Zeit die Zeit bei der Tante musst ja zurück vergiss die Zeit seit 12 Jahren erinnert es sich wieder das Mädchen das Mädchen schleckt die Teigschüssel aus bei der Tante und Ostern im Schnee der Ranzen bei der Tante bei der Tante Ostern im Schnee die weiß was und warum und Ei mit Maggi bei der Tante die weiß alles die sagt nichts die schlägt nur die Augen nieder die weiß genau warum und wie sie zurückkommt die Frau ins Kuhdorf zurück und gebrandmarkt lammfromm in die so plötzlich von den Alten getrennte Küche so plötzlich warum neuer Anfang großer neuer Anfang warum das alles ach die Alten sind's sie selbst liebt ja Blumen die Frau und macht jetzt und tut und das Mädchen liebt sie so mit Blumengarten liebt sie so und die Frau mag Margriten und das Mädchen die Frau mit den Blumen nicht nur stinkender Kohl und Dreck und Gestank die kann Apfelstrudel die Frau und wie wir die Zähne auf einmal putzen zu der Zeit und dann das Alte sie säuft die Frau klaut billigen Fusel im Laden die Frau in gelben Plastikflaschen der Schnaps so geschickt wie sie's macht wie sie kauft was im Lager geholt werden muss und steckt zwei gelbe Flaschen ein und das Mädchen das Mädchen steht dabei und das soll nichts sagen das bezahle sie später die lügt die Frau die lügt und das Mädchen das sieht der Verkäuferin an die weiß doch genau was da läuft oder nicht und es schämt sich das Mädchen und schämt sich und schweigt und möcht' noch heute im Schweigen ersticken der Kloß geht nicht weg im Hals die Scheiße im Hirn und die Frau die Frau ist schwanger und säuft säuft schon vorher oder weil oder während sie schwanger geht und kauft Windeln und das Mädchen steht daneben und das fragt warum die Frau war immer dick man sieht das nicht und die Frau sagt dem Mädchen es sei für die Tochter der Tante hofft wohl noch das wird nichts mit dem neunten Kind und ist klug die Frau ist klug und doch neun Kinder die Alte die Frau des Alten hatte ja nur drei und die ist dumm die Alte aber die Frau ist klug und kriegt das neunte und die Alte bestimmt noch den Namen für das Kind nach ihren Söhnen den Namen mit gehässigem Gesicht sagt sie den Namen und das Kind heißt so schrecklich und das Mädchen liebt das Kind den jüngsten Bruder und fährt ihn spazieren jeden Tag und hasst die Schwester für ihren dümmlichen Umgang mit dem Kind dem neuen Menschen ihn an den Händen nackt aus der Badewanne zieh'n wie'n nassen Lappen und dumm lachen so dumm erniedriegend lachen ihr liebes braves Mondgesicht und sitzt später neben der Frau und dem Mädchen auf der Bank im Scheißgarten am Stinkestall und hat gemerkt das Mädchen hat Blut und sagt ironisch die Frau müsse es nun aufklären das dumme Weib die Heuchelschwester die Frau sagt nichts kriegt wohl das Kotzen nach neun Kindern und das Mädchen weiß noch lange nichts nach Monaten nicht und der Bruder gibt ihr die Bravo einzige Quelle der liebe der gute der Bruder der schwache gehänselt drei auf einen drei Scheißbrüder auf einen und das Mädchen schreit und fühlt und weiß nicht warum es nur da fühlt bei ihm noch jetzt nur da und beim jüngsten doch da kommt nichts mehr da ist alles tot Perlen vor die Säue geliebt hat ihn das Mädchen und dann kommt nichts wieder und warum warum das schreiben jetzt die Nacht um die Ohren schlagen das schreiben jetzt das läuft wie Wasser 'raus warum das jetzt an Ostern Ostern 1989 schon Morgen jetzt so unverschämt Morgen und die Vögel die Vögel erwachen sanft laue Luft haucht von draußen so frisch und morgendunkelblau schon der Himmel und die Vögel und die Ruhe sonst und die Ruhe hier und das mitten in der Stadt und wie es rauscht im Hintergrund anheimelnd wie Meer rauscht und blau der Himmel so unfassbar blau und schön muss der Tag werden blau und leise und blau und sanft und blau und warm und warum das jetzt diese Scheiße im Kopf an Ostern und das Mädchen denkt Mai immer nur Mai für das Mädchen nur Mai der Mai und das Mädchen das Mädchen im Mai und denkt Maiglöckchen und Mai Mai Mai das Mädchen das Maimädchen geboren im Mai Mitte Mai Mittemaimädchen immer wieder Mai geboren im Mai tausendmal im Mai geboren das Maimädchen im Mai und tausendmal Mai für das Maimädchen bis einmal gewollt im Mai im Mittemai aber ist Märzostern Maimärzostern Märzauferstehung Maiauferstehung Maimädchenauferstehung Ostern des Mädchens Geburt hat eine Mutter: das Mädchen - das Mädchen hat ein Kind: das Mädchen - das Mädchen eine Mutter: das Mädchen, nicht die Frau, das Mädchen gebiert das Mädchen aus der Scheiße wohin die Vögel das Blaue durch das Weiße und das schreit nach Leben das schreit das gebiert das will 'raus und krampft und krampft den Kloß und krampft sich gefangen und kotzt sich selbst aus wohin Punkt.

Und das duscht sich nicht weg und das säuft sich nicht weg und das bumst sich nicht weg und das raucht sich nicht weg und das weint sich in Meere von Tränen von Tränen.

Wenn nur einmal ein Schritt leicht wäre wie Tanz ist so leicht und nicht schwer voller Kraft als schöbe ich beim Gehen mit jedem Schritt die Erde hinter mir weg wie dicken Morast behaftet mit eurem Geruch so modrig und alt und so tot wie das Watt nach Tod riecht in diesem Jahr. Die Ankunft am Meer voll Todesgeruch. Geh' nicht bei Ebbe ans Meer wenn du spürst dass es stirbt stirbst du mit ist ja auch mein Tod und mein Dreck und kommt alles zurück ... doch geh' nur geh' nur bei Ebbe ans Meer dass du spürst wo du lebst wo du stirbst und die Flut spuckt dich aus mit Gewalt und weicht dir die Brandung die Knie dass du fühlst wie dein Widerstand Tod ist lass los und du fühlst wie du lebst wenn du mitgehst.

Urlaub auf Amrum. Herausgerissen. Drei Tage Trauer. Jeden Tag dieser Weg am Meer entlang, diesen Geruch nach Verwesung in der Nase. Dabei ist Amrum so sauber. Jeden Tag diesen Kloß im Hals und Tränen in den Augen, dieses Gefühl von Sterben, dieser Tod ist so fremd, da gehör' ich nicht hin, nicht in diesem Jahr voller Leben, da gehör' ich nicht hin - Berge von Meeressalat, grün und glitschig und faulig. Die meisten Menschen bleiben genau dort, wo es stinkt nach Verwesung. Jeden Tag dieser Weg durch den Tod bis zum reinen Kniepsand ... unendlich und weit. Meine Füße wehren sich, durch diesen Morast zu gehen. So fremd dieser Tod.

Aber ich wähle immer wieder diesen Weg. Und gehe nicht über die gepflegten Bohlenwege durch die Dünen, abseits vom Meer, um dann geradewegs zum Kniep hinunterzugehen. Ich könnte diesen Morast umgehen, ihn vermeiden, diesen Ort, wo die Kinder im krank wirkenden, schwarzen, modrigen Schlick graben.

Dann komme ich an. Am dritten Tag komme ich an. Endlich. Meine Füße fürchten die Berührung nicht mehr. Was hier nach Sterben riecht, ist auch mein Sterben. Ich bin Teil dieser Erde. Teil dieses zerbrechlichen, empfindlichen Systems. Und ich ziehe meine Schuhe aus. Und ich fühle mit jedem Schritt, wie unheimlich, wie nah dieser Verbund ist. Was hier stirbt, stirbt auch in mir. Was hier lebt, lebt auch in mir. Und ich spüre mit jedem Schritt, wie sich dieses Stück Erde über meine Haut mit meinem Körper verbindet. Ich bin angekommen ...


Ich bin angekommen ...

Der Wind ist mir nicht mehr zu kühl ...

Nach und nach übergebe ich meinen Körper dieser Insel.

Das Gehen verselbstständigt sich im Kniepsand.

Diese wüstenartige Landschaft.

Mühelos passt sich das Gehen den Bodenbeschaffenheiten an. Wie die Füße wegrutschen ... im Weichen und Feinen. Wie sie sanft gehalten werden ... im Festeren, Feuchten.

Vereinzelt Menschen. Wüstenwanderer.

Vereinzelt kleine Kunstwerke aus Sand. Ein indischer Elefant liegt solide und schwer da. Mit Händen geformt aus dem, was vorhanden ist. In das hinein, was vorhanden ist. Eine mit Muscheln geschmückte Satteldecke auf dem Rücken tragend, eine Perlenkette aus Steinen und Muscheln liebevoll um die Stirn arrangiert, die in Muße gewachsene Sorgfalt spürbar. Um einiges weiter drei Pyramiden aus Sand. Präzise in den Proportionen. Ägyptisches Ambiente ...

Müßiggang.

Meinen Standort verlassen und leer werden.

Ich übergebe mich dieser Erde.

Ich überlasse mich dieser Erde.

Ich lege mein Buch weg -

Auf dem Rücken liegend spüre ich an jedem Punkt meines Körpers die Nähe zur Erde. Kontakt. Ein leichter Wind weht und haucht über meine Haut. Es ist, als bewegten sich die Sonnenstrahlen mit dem Wind. Die Sonne zeichnet Figuren auf meinen Bauch. Zeichen - geheimnisvoll. Spiralen. Kreise. Schlangenlinien. Mit mühlosem Strich ... Zeichnet mir Glück auf den Bauch ... und ich habe das Sterben nicht vergessen. Sie zeichnet mir Glück auf den Bauch. Mit weichem Pinsel nur Glück auf den Bauch eine Kugel voll Wärme und Licht und der Wind der haucht sacht und er spielt auf der Haut ein Klavier eine Harfe und spielt mit den Brüsten und spielt mit der Scham und malt auf der Haut ... und der Wind ... führt die Strahlen der Sonne von den Zehen über den Bauch bis zur Stirn ... als nähme die Erde mit ihren Genossen mich auf in einen neuen Raum ... und ich habe das Sterben nicht vergessen.

Mit dem Rad in den Norden der Insel. Nach Odde. Ein streng geschütztes Gebiet. Vogelschutzgebiet. Eingezäunt. Abgeschirmt. Die Dünen hier - nur wenig bewachsen. Anfällig. Für Eingriffe von außen. Verletzlich. Dieser Ort ist Zwischenstation. Millionen Zugvögel nutzen ihn als letzte Rast und Nahrungsquelle vor ihrem großen Flug. Dieser Ort lässt mich zurück - mit einem Gefühl der Fremde. Selbst Fußspuren auf dem Weg stören. Hier gehört kein Mensch hin. Hier ist Raum für anderes Leben. Der übliche zivilisatorische Drang, alles gesehen haben zu müssen, scheint hier unangebracht. Diese Landschaft schickt mich zurück. Umkehren. Verbotenen Raum betreten zu haben - auf erlaubten Wegen. Umkehren. Leere. Keine Besichtigung. Keine Wattwanderung. Keine Störung.

Gibt es auf dieser kleinen Insel einen Ort, der für mich da ist? Der schilfbewachsene See in den Dünen vielleicht, der irgendwann vor nicht sehr vielen Jahren an die Oberfläche trat? Ein junger See, lebendig, gewachsen. Aus Grundwasser herausgewachsen. Neu, frisch. Der Blick auf diese üppige Wasserlandschaft mit den vielfältigen Entenarten und den dann und wann auftauchenden hübschen Fasanenmännchen - Ruhe für die Augen. Menschen, die Enten füttern. Als befänden sie sich in einem städtischen Park. Einflußnahme. Überflüssig. Unangebracht.

Was bleibt - der Kniepsand - unweit vom See. Hier den weiten Weg bis zum Meer gehen. Zurückschauen in die großzügigen Dünen. Dem Meer entgegengehen, allmählich, sehr langsam, ihm näherkommen, um dann in der Brandung die Kraft zu spüren, mit der Kraft zu spielen, die mich hinspült, wo ich nicht hinwill. Als sei das Meer unablässig damit beschäftigt, Fremdkörper abzustoßen, mir den eigenen Tod ins Gesicht zu spucken. Meinen Widerstand aufgeben dann. In der Bewegung der Flut schwimmen. Aufmerksam im Grenzbereich der Angst, ob es gelingt, mich in den Rhythmus der Wellen einzufinden ... Und ich will das Sterben nicht vergessen.


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 Der glodne pott                                                     Druckversion  Druckversion



Am huselmingdang, abfraß um drei klung, krannte ein sander hens in Dresden durchs schwinze tong und baff in einen klobb mit hinzeln und konzeln hinein, die ein akkes gatzliches hink fahliste, sodass alles, was der quitzak glomich ubdangen, hinausgebastert wurde und die stroßenjangen sich munzig in die berte feilten, die ihnen der hurstige mirr zugebirsen. Auf das zetelgebass, das die hanke erfab, vermursten die gebatterinen ihre konzel und bangwientunge, umqueisten den sanden hensen und schnepften mit quakelhaftem ungestam auf ihn hinein, sodass er, vor barger und schiem verstammend, nur seinen klinzen, nicht eben besunders geprallten pinkbattel hinmank, den die hanke bekarrig ergrapf und bass einquackte. Nun offerte sich der fanggeschlossene quirst, aber indem der sande hens hinausschloss, ranzte ihm die hanke nach: "Fa, krenne nur - krenne nur su, schakelschind - ins kritzoll bals dein moll - ins kritzoll!" - Die gallende, kritzende zimme des hinkes hatte etwas embatzliches, sodass die sporzenganger verfindert stierstanden, und das laxen, das sich erst verbartet, mit einemmal verrammste. - Der stoland Anselmus (nomind sonder war der sande hens) miehlte sich, ohngmachtet des hinkes sunderbirre mirte durchaus nicht verfand, von einem unverbehrlichen gahrsen ergrapfen, und er beschwimmelte seine schwirre, um sich den auf ihn gerasterten blaxen der sohngahrigen malle zu entzahren. Wie er sich nunmehr durch das gewalle geminzter hensen durchfahrbeitete, währte er oberill hirmeln: "Der irme sande hahn - hoi! - über das vezarre hink!" - Auf ganz sunderbirre winse hatten die gehamnisballen mirte der akken dem laxerlichen lebenteuer eine gerisse trogerische wundung gefeben, sodass man dem firhahn finz ohnbetrachteten itzt tehlnahmend nachfah.


Nach: E. T. A. Hoffmann, Der goldne Topf, Erste Virgilie


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  Der Hut                                                                   Druckversion  Druckversion



Ein Mann mit meinem Format hat keinen Hut nötig, ging ihm durch den Kopf, während er selbigen nahm und ihn schwungvoll in hohem Bogen durch die Luft segeln ließ. Nichts mehr zwischen ihm und allem um ihn herum. Er wandte sich nicht einmal um, seinem Hut nachzusehen, der ihn so viele Jahre begleitet hatte, sondern ging schwungvollen Schrittes seines Wegs. Somit nahm er auch nicht wahr, dass sein Hut so gerade eben noch an einem winzigen Ast der alten Buche eines Parks hängen geblieben war und einen Schwarm Krähen aufgescheucht hatte.

Sophie saß an ihrem Schreibtisch in ihrer unaufgeräumten Wohnung und sinnierte gerade darüber nach, wie trist und öde ihr Leben geworden war. Hatte sie nicht einen großen Teil ihres Esprit verloren? Sie erinnerte sich an diese nächtelangen Spinnereien über dies und jenes, intensive Gedankenspiele im Kreis aufmerksamer Freunde über mal mehr mal weniger berührende Themen und Fragen wie "Was, wenn unsere gesamte Realität, auch dieser Tisch hier, nur eine Fiktion, eine Projektion unseres Geistes wäre?" Ach, ihr wurde ganz wehmütig. Oder jene humoristisch angehauchten Phantasien, wie viele Menschen es wohl auf der Welt gäbe, wenn Frauen nur bei völliger geistiger Harmonie und Übereinstimmung mit Ihrem Geschlechtspartner schwanger würden. Sie hatte diese Gespräche und sich selbst immer als etwas Besonderes empfunden. Jetzt kam sie sich so alltäglich vor. Heute drehten sich die meisten Gespräche der Leute um sie herum eher um deren mehr oder weniger gute Beziehungen, Wohnungen, Politik manchmal, wenns um die eigene Geldbörse ging oder besonders zum Lachen anregende Gags irgendeiner Comedy-Shows. Sie hasste Comedy-Shows. Na ja, es hilft nichts, das kommt nicht wieder, sagte sie sich, trink ein Glas Wein, auch wenn es erst Nachmittag ist und auch dies nichts nützt. Auf dem Weg zur Vitrine mit den Weingläsern traf ihr Blick das geöffnete Fenster. Auf dem Sims landete gerade eine Krähe, die noch aufgewühlt mit den Flügeln schlug. Die Nachmittagssonne hatte offensichtlich gerade die Ecke der gegenüber liegenden Häuserfront erreicht, sodass ein einziger Strahl genau in ihr Zimmer fiel und für einige Sekunden nur einen winzigen strahlenden Reflex auf dem glänzend schwarzen Gefieder der Krähe hervorrief. Sophie schloss die Tür der Vitrine, stellte das Glas auf den Tisch und ging die Treppe hinunter ins Freie. Aus der Tür hervortretend blieb sie gerade noch rechtzeitig stehen, um nicht mit zwei an ihr vorbei flitzenden Skatern zusammenzustoßen. Die Zeit würde gerade noch reichen, um die letzte sonnige Stunde des Tages am See zu verbringen. Ein ganzes Jahr war sie nicht dort gewesen. Sophie setzte sich auf ihr Mountainbike und fuhr los. Sie würde den schönen, aber wesentlich weiteren Weg durch den Park nehmen, um nicht allzu lange stark befahrene Straßen benutzen zu müssen. Der Biergarten im Park war bei diesem Wetter gut besucht, auf den Wiesen kaum noch ein Fleckchen frei. Auf den Wegen musste sie des öfteren durch geschickte Schlenker Spaziergängern ausweichen. Als sie gerade noch einmal ihre Haltung zurecht rückte, plumpste etwas auf ihren Kopf, das ihr den freien Blick nahm. Nur nicht stürzen, das muss schon dämlich genug aussehen. Sophie bremste, stellte ihre Füße auf den Boden und schob sich den Hut aus dem Gesicht. Genau vor ihr stand ein lachender Kerl mit einer Kamera in der Hand. ...

Auch das noch! Obwohl - ein netter Typ eigentlich. Vielleicht könnt man ja ... so eine gute Liebesnacht wär mal wieder was... Sophies Gedanken schwirrten schon davon, und sie sah sich schon auf ihrer Spielwiese ... "Na, das hätt ich ja nicht erwartet, dass mein Hut so schnell einen neuen Träger findet." "Ach, das ist Ihr Hut. Und wieso findet? Das Ding plumpste einfach auf meinen Kopf." Er hatte einfach ein zauberhaftes Lachen, unwiderstehlich. "Du wirst schon sehen. Einen schönen Tag noch." Und schon ging er winkend an ihr vorbei.
"Moment mal, und das Photo?"
"Du kriegst einen Abzug."
"Aber ..."
"Wir treffen uns schon, keine Angst."
Na ja , das hört sich so an wie dieses "Wir telefonieren dann mal." Kennt man ja schon. Und immer diese Typen, die einen einfach duzen... Wenn Sophie noch vor dem Sonnenuntergang zum See wollte, musste sie sich beeilen. Also zog sie sich den ungewollten Hut fester auf ihren Kopf und trat wieder in die Pedale. See war ja eigentlich übertrieben, schließlich war es eine von Adenauer initiierte künstliche, aber außerordentlich gelungene Grünanlage. Trotzdem war es für Sophie nicht der Decksteiner Weiher, sondern der See. Einfach schön, dieser Weg an den Kanälen entlang - und jedes Mal die Suche nach der Villa mit der lebensgroßen Butler-Figur auf dem Balkon. "Hoffentlich ist meine Bank frei!" Genau mit Blick nach Westen - bis der letzte Schimmer des Tages verschwunden ist, das hat was. Sophie organisierte sich noch im Restaurant des FC-Hauses ein Bier. Kaum zu glauben, aber als sie sich gerade ihrer Bank näherte, stand ein älteres Paar mit Hund auf. Na wunderbar! Zirrusbewölkung im Westen. Sie setzte sich auf die Bank, nahm diesen seltsamen Hut in die Hand - na gut, für heute Abend sitzt Du auf meinem Kopf...

Wie oft hatte sie versucht, diesen Blick zeichnerisch einzufangen. Ihr räumliches Darstellungsvermögen, vielleicht auch nur ihre Ausdauer, reichte einfach nicht aus. Also hatte sie es aufgegeben. Warum überhaupt etwas malen, was schon da draußen ist? Den Walkman mit der meditativen Airon-Kassette noch einzustecken, war eine gute Idee. Kein Laut von außen störte diese kontemplative Stimmung. Und das Bier kam auch auch gut. Nach und nach färbten sich die Wolkenfetzen rötlich. Sophie verschmolz mit dieser Atmosphäre, der Musik. Einfach perfekt, rund, ohne Fehl und zum Abheben. Nach einer halben Stunde war alles vorbei, ein letztes Leuchten noch, und fort.

Ich glaub, ich geh noch aus heut Abend! Entweder Tanzen oder irgendwo einen kleinen Schwips antrinken und nett plaudern. Schließlich hatte mal ein Kölner Psychologe in einer jener Ratgebersendungen zu einer vergeistigten, vereinsamten und depressiven Intellektuellen den Satz gesagt: "Man muss auch manchmal einfach rausgehen und eine Currywurst essen!" ...



Fortsetzung folgt ...




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