Biographorismen

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ÜBERSICHT


Die Texte stammen mit einer Ausnahme aus den Jahren 1989/1990

Anfänge 1

Anfänge 2

Annäherung

Bescheidenheit

Beobachtung

Späte Einsicht

Bierthekenerotik

Gruppentheorie

Geschicklichkeit

Die Kaninchenfrau

Genau besehen

Kommunikationstheorie 1

Kommunikationstheorie 2

Kommunikationstheorie 3

Kommunikationstheorie 4

Leben

Reduktion

Rezept 1 zur Selbstrettung

Rezept 2 zur Selbstrettung

Romantik

Selbstdarstellung

Selbstmitleid

Ohne Titel

Vorsatz

Glück

Tausend Freunde




Anfänge 1

Ich lebe in Anfängen.
Die antizipierten Fortführungen
der Anfänge
ekeln mich schon
bei der Antizipation
an.


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Anfänge 2

Eine weiße Leinwand
und ein Rahmen
immerhin


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Annäherung

Mit der Zeit
werde ich dir
wird mein Leben dem deinen
immer ähnlicher.
Je ähnlicher
mein Leben dem deinen wird
und ich dir werde
desto mehr
entfernt sich
unsere Nähe


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Bescheidenheit

Deine warme Hand
auf meinem Bauch
mehr
als ein Koitus


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Späte Einsicht

Ich lernte schwimmen.
Als Kind.
Allein.
In diesem riesigen Schwimmbad.
Noch im Bau befindlich.
Als ich Erfolg hatte,
als ich von meinem Erfolg erzählte,
kommentierte der Großvater:
"Du schwimmst wie eine
bleierne Ente."

Wie recht er hatte.


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Beobachtung

Unbeobachtet
Menschen zu beobachten
ist ekelhaft indiskret.
Ich komme mir jedesmal
wie ein Mörder vor.


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Bierthekenerotik

Die Häufigkeit von Orgasmen
ist entscheidendes Kriterium
für Erlebnisfähigkeit.
Und jeder ergänzt,
man mache es besser selbst.

Dass mich Chopins Etude c-moll
erotisch stimmt,
sage ich besser nicht.



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Gruppenthorie

Menschliche Gruppen,
sagst du,
seien immer wie ein Affenclan.
Es gehe immer
um die erste Position.
Ich bleibe lieber
Zoobesucher.




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Geschicklichkeit

Ich lege mir die Steine
so geschickt,
dass ich fallen muss.



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Die Kaninchenfrau

Sie baute ein Nest.
Gebar.
Und dann hat sie all' ihre Kinder getötet.



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Genau besehen

Ich bin ein Schrei,
der nicht ausbricht.

Genau besehen
hat er auch kein Recht
auszubrechen.
Es geht mir gut.
Es sind ja nur
ein paar
Takte Musik,
die
Katastrophen
auslösen.


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Kommunikationstheorie 1

Die meisten Briefe
sende ich nicht ab.
Sie kommen sowieso
nicht an



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Kommunikationstheorie 2

Was noch zu lernen ist:
Das Schweigen.
Sie saugen deine
Worte
aus.

Was zu verlernen ist:
Das Weinen.
Sie tränken ihre
trockenen
Seelen
mit
deinen
Tränen


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Kommunikationstheorie 3

Am liebsten mache ich Geschenke dem,
der sie nicht zu schätzen weiß,
wie man leichthin sagt.
Indem er sie nicht zu schätzen weiß,
schätzt er sie
am meisten.



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Kommunikationstheorie 4


Es ist alles schon gesagt.
Und besser.
Die Suche nach dem
unbenutzten Wort
endet alptraumhaft:
Findest du es,
wagst du nicht
es auszusprechen.



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Leben

Das Leben
zeigt sich mir
nur vekleidet.
Sobald es ansetzt,
seine Mütze abzusetzen,
gehe ich.
Der Schädel ist ja doch
kahl.

Ich sitze mir auf der Schulter
und schaue mir zu,
wie ich nicht lebe.

Dass man es meistern müsse,
sagte schon mein Großvater.
Ein Reporter prägte die Wendung:
"Leben veranstalten."
Ob jemand das Leben lebt?



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Reduktion

Bei der Reduktion auf das
Wesentliche
bleibt mir nicht einmal
eine Lebenslüge,
an der es sich
zu arbeiten lohnt.



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Rezept 1 zur Selbstrettung

Meine Mauern
werden zu leicht durchschaut.
Ich brauche geschicktere.
Vielleicht so:
Man gebe maximal
50 % von sich preis.
Mindestens 50 % dieser 50 %
seien angreifbar.
Die Gegenseite ist dann
erst einmal beschäftigt.
Mit Kritik.
Mit Ratschlägen.
Mit Erziehungsversuchen.
Die zweite Hälfte
der preisgegebenen 50 %
dienen der Beruhigung.
Der Rest wird dann
spielend übersehen.



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Rezept 2 zur Selbstrettung

Vergiss im Büro
den Kalender umzustellen.
Die Gegenseite
hat ihren Triumpf
für den Tag
und du
deine Ruhe.



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Romantik

-n


Wo ich auch hingehe:
Ich gehe nie nach Hause.


(in Anlehnung an Novalis, Heinrich von Ofterdingen: "Wo gehn wir denn hin?" "Immer nach Hause")


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Selbstdarstellung

Der Ausdruck meiner selbst
wird mit der Zeit
immer runder.

Am Ende
eine Null


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Selbstmitleid

Selbstmitleid ist Hochmut.
Kann ein Brötchen verhindern,
Semmelbrösel zu werden?


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Ohne Titel

Ich bin von nichts die Ursache.
Alles geschieht mit mir.
Und das auch noch irgendwie.


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Vorsatz

Täglich nehme ich mir vor
zu leben.
Das kostet so viel Kraft,
dass ich es täglich verschiebe


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Glück

Glück
ist
niemals dort,
wo du
nicht bist.


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Tausend Freunde

Tags
schlafen
die Bäume doch
und werfen
ihre Schatten
wie Träume
ins Gras.


(1995)


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